Archiv der Kategorie 'Spiele'

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Ein wunderschönes Fundstück des Galaktischen Generalanzeigers.

Dead Space

Als ich ungefähr zwölf war, fuhren mein bester Freund und ich mit dem Rad zu einem Kumpel. Im Gepäck meines Freundes befand sich ein VHS-Tape auf dem eine Raubkopie von „Aliens“ war. Die Sonne schien, die Sommerferien waren nahe, wir schoben das Tape in den Videorecorder des Kumpels und saßen zwei Stunden gebannt vor dem Fernseher. Der Überlebenskampf einer Gruppe Marines, die in den ersten 20 Minuten als unbesiegbare Elitetruppe gezeigt wird, nur um dann von den Aliens auseinandergenommen zu werden, gehört immer noch zu meinen Lieblingsfilmen. Dazu aber vielleicht mal anderer Stelle mehr. Danach konnte ich zwei Nächte lang nicht schlafen. Nach der zweiten Nacht, die ich schweißgebadet in meinem Bett verbracht hatte, fuhr ich mit der Bahn in die Stadt, kaufte mir ein Alienposter in Lebensgröße, pinnte es an meine Wand und studierte es zwei Stunden lang, danach waren die Albträume fort und ich süchtig nach Filmen, die mich derartig schocken konnten.

Viele Jahre später sind die Filme, die mich überraschen oder gar ängstigen können rar geworden. Doch dann brachte EA ein Gruselspiel raus, das mich ähnlich schocken sollte wie damals „Aliens“ – „Dead Space“. Das habe ich mittlerweile einem Freund als Gastgeschenk mitgebracht, der es aber nicht spielen konnte, da er es (wie wohl einige Spieler) zu gruslig fand. Angeblich soll EA bei der Entwicklung des zweiten Teils von den Entwicklern verlangt haben, dass sie diesen weniger gruslig machen sollten. Nun, nachdem ich das Spiel gestern erwarb, kann ich nur behaupten, dass das nicht gelungen ist. Wie schon beim ersten Teil, kann ich „Dead Space 2″ nur in homöopathischer Dosierung genießen. Zu häufig wiegt einen das Spiel in falscher Sicherheit, terrorisiert einen auf der Tonspur und in bester E. A. Poe Tradition wird dazu noch der Erzähler des Ganzen destabilisiert: Der Protagonist Isaac Clarke leidet an einer Geisteskrankheit, die er sich im ersten Teil zugezogen hat, daher kann man sich als Spieler der Figur niemals so ganz auf das veralssen, was man durch ihre Augen gezeigt bekommt und durch ihre Ohren hört. Die genretypische Knappheit an Munition und heilenden Medipacks tut ihr übriges: Ständig fürchtet man sich um die physische und psychische Gesundheit Isaacs, ständig hält einen das Spiel in Anspannung, schafft es aber einen häufig mit den eigenen Erwartungen ins Leere laufen zu lassen, denn am grusligsten ist das Spiel, wenn eben KEIN Nekromorph (so der Name der zombifizierten Gegner) um die Ecke kommt, sondern das Schlimme nur im Kopf des Spielers passiert.

Gestern fiel mir das Joypad vor Schreck aus der Hand, als ich im Spiel plötzlich hinter mir eine Geräusch hörte und dachte, jetzt haben sie mich, dabei sprang nur eine Dusche an. Da war es wieder da, das wohlige Grausen, das mir über den Rücken krabbelte.

Die Abwesenheit der Shoah in Videospielen

Es vergeht kein Jahr, ohne dass ein Videospiel erscheint, das den Zweiten Weltkrieg zum Thema oder Hintergrund hat. Verwunderlich ist dies nicht, schließlich hat dieser Konflikt auch zahllose Filmemacher und Autoren zu ihren Werken inspiriert oder gedrängt, merkwürdig mutet allerdings an, dass allen Video- und Computerspielen, die den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben eins gemein ist: die Darstellung der Shoah oder auch nur Anspielungen darauf fehlen schlicht. Zaghafte Versuche sich diesem Thema auch mit dem Medium des Videospiels anzunähern gab es wohl, es erschien dem Publisher Nintendo allerdings zu heikel etwa das Spiel „Imagination is the only escape“ zu veröffentlichen.

Was folgt aus dieser Abwesenheit des Völkermords an den europäischen Juden im Videospiel? Die Gründe für die Unterlassung der Darstellungen sind vermutlich ökonomischer oder gar moralischer Natur. Die Frage, wie das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts angemessen in einem Spiel darzustellen wäre, ist eine sicher schwer, wenn nicht unmöglich zu beantwortende Frage. Allerdings gilt und galt die selbe Überlegung ja auch schon für den Roman und den Film.

Die Folgen der unterlassenen Darstellung wiegen allerdings schwerer als die Gründe für eben diese Unterlassung. Die Faktische Abwesenheit der Shoah in Videospielen führt bei einer jungen Generation von Deutschen dazu, dass das begangene Unrecht noch weiter in die Ferne rückt und somit leicht zu verkleinern und zu leugnen ist. Ja, durch die Darstellung des Zweiten Weltkriegs als überwiegend fairem Wettkampf zwischen etwa gleichstarken Parteien entsteht ein völlig falsches Bild der Zeit. Hinzu kommt noch, dass etwa in „Call of Duty: World at War“ auch vermeintliche Verbrechen etwa der Roten Armee drastisch dargestellt werden, dadurch entseht der falsche Eindruck, dass beide Seiten im Krieg gleich schlecht gewesen sein könnten. Zu einer Aufrechnung der Schuld ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

„Irrational ist weiter die verbreitete Aufrechnung der Schuld, als ob Dresden Auschwitz abgegolten hätte. In der Aufstellung solcher Kalküle, der Eile, durch Gegenvorwürfe von der Selbstbesinnung sich zu dispensieren, liegt vorweg etwas Unmenschliches, und Kampfhandlungen im Krieg, deren Modell überdies Coventry und Rotterdam hieß, sind kaum vergleichbar mit der administrativen Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen.“1

Durch das Weglassen der Shoah wird der von Adorno angemahnte Effekt noch verstärkt. Es bleiben nur noch Coventry, Rotterdam und eben Dresden, wenn man Auschwitz und Dachau ausspart.

  1. Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1971, S. 11-12. [zurück]